Die heilende Kraft der Musik
Die heilende Kraft der Musik ist mir schon als Kind bewußt gewesen, oder besser: sie war immer schon selbstverständlich für mich. Egal ob ich sie überhaupt schon als solche benennen konnte oder ob ich sie – so wie hier – beschreiben und ihre Bedeutung für meine musikalische Arbeit herausstellen will, für mich ist sie eine alltägliche Realität.
Schon seit vielen Jahren sehe ich mich als Musiker auch als Heiler. Intuitiv wußte ich, daß mir diese Rolle als (komponierender und improvisierender) Musiker automatisch zufällt und ich mir dieser Verantwortung bewußt sein sollte. Also fing ich an, mich mit diesem Thema eingehender zu beschäftigen.
Musik ist ganz unmittelbar spürbar. Sie wirkt ganz unmittelbar. Wenn man sich ihr mit der Seele und mit dem Körper hingibt – und eben nicht den Kopf dazwischen schaltet – dann gibt es keinen Zweifel daran: Musik heilt.
Aber auch dies ist mir schon früh begegnet: Manche Musik kann auch sehr unangenehm sein, es fühlt sich so an als würde sie mir schaden. Schon als Teenager hatte ich einen Satz dafür: Es gibt Musik, die tut körperlich weh.
Wie soll ich mich da wundern über Beschreibungen wie diese:
Pflanzen, denen täglich mehrere Stunden Musik vorgespielt wird, zeigen ganz eindeutige Reaktionen darauf. Und zwar sehr unterschiedliche, abhängig davon, welche Musik ihnen vorgespielt wird. Bei Barockmusik wachsen sie den Boxen extrem entgegen, noch mehr bei klassischer indischer Musik, eine Pflanze umrankt die Box sogar. Deutliche Zuneigung auch bei Jazz von Duke Ellington und Louis Armstrong. Hingegen verhalten sich die Pflanzen bei Countrymusik genauso wie diejenigen, denen keine Musik vorgespielt wird: nichts passiert. Und bei Rockmusik versuchen sie den Boxen zu entkommen, wachsen in die andere Richtung. (siehe: Joachim Ernst Behrendt: „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“)
Oder: Ein Mann erleidet eine Gehirnblutung, sein Leben hängt am seidenen Faden, er hat furchtbare Schmerzen. Die Ärzte haben ihn mehr oder weniger aufgegeben. Er fängt an zu summen und zwar über einen längeren Zeitraum. Der Schmerz läßt deutlich nach. Außerdem findet er etwas, das er als „unhörbaren Klang“ beschreibt, einen Klang, der von innen kommt. Nach wenigen Wochen ist das Blutgerinnsel auf ein Zehntel geschrumpft. Der Mann wird vollständig gesund. (Es handelt sich bei diesem Mann übrigens um den Musiker und Musikwissenschaftler Don Campbell, er beschreibt dies ausführlich in seinem Buch „Die Heilkraft der Musik“)
Obwohl den Wissenschaften die enorme Auswirkung der Musik auf den Menschen längst klar ist, wird seltsamerweise kaum ernsthaft darüber geredet, wie stark die Musik, die die Menschen hören, die Gesellschaft insgesamt und die Gesundheit der Einzelnen beeinflußt. Die Musik beeinflußt das spirituelle Wachstum und das menschliche Miteinander. Wieso wird nicht im größeren Stil darüber diskutiert, welchen Einfluß die Musik, die die Menschen hören (und an vielen Orten auch unfreiwillig hören müssen) auf die verbreitete Aggressivität in unserer Gesellschaft hat, um nur ein Beispiel zu nennen? Dabei hat es doch schon Experimente in diese Richtung gegeben, zum Beispiel wurden Orte, an denen geballt Gewalttätigkeit auftrat, gezielt mit klassischer Musik bespielt, mit dem Ergebnis, daß Gewalt und Drogenhandel dort drastisch zurückging. Ich stelle hiermit die These auf, daß ein nicht unwesentlicher Teil der heutigen gesellschaftlichen Probleme, vor allem die immer weitere Verbreitung psychischer und physischer Erkrankungen, darauf zurück geht oder zumindest wesentlich davon geprägt wird, welche Musik wir hören.
Der Jazz hat viele große Heiler hervorgebracht. Viele von ihnen würden sich vielleicht gar nicht explizit als solche bezeichnen, aber sie sind es. Musiker von Duke Ellington, Coleman Hawkins oder Ben Webster bis zu Keith Jarrett, Charlie Haden oder Pat Metheny, um nur ein paar wenige zu nennen. Andererseits hat sich der Jazz leider in den letzten Jahrzehnten immer mehr intellektualisiert. Was früher die lebendigste, spannendste, unmittelbarste Musik war wird heute oft mit verkopft, gewollt häßlich oder schlicht langweilig assoziiert. Etwas Angelerntes wiederzugeben kann halt echten, unmittelbaren Gefühlsausdruck nicht ersetzen. Aber das trifft nur auf einen Teil des heutigen Jazz zu. Viele gute Musiker haben mit dem falschen Bild, das vom Jazz gezeichnet wird, zu kämpfen. In Wirklichkeit verfügt gerade der Jazz mit seinen starken improvisatorischen Elementen über ein besonderes Potential an heilender Kraft.
Musik versetzt in einen meditativen Zustand, den Hörenden wie den Spielenden, der natürlich auch ein Hörender ist. Für mich, den Musiker, ist Musik machen Meditation. Wenn ich meine Zuhörer auf diese Reise mitnehmen kann, erfüllt sich der Sinn meines Berufes. In einer Zeit, in der der größere Teil der Musik leider mehr aus kommerziellen Beweggründen denn aus wirklicher Berufung heraus gemacht wird, ist es umso wichtiger, sich darauf zu besinnen, was Musik wirklich ist und kann. In meiner Musik hat das heilende Element immer schon eine wichtige Rolle gespielt, aber jetzt widme ich mich in einem neuen und übergreifenden Projekt ganz gezielt dieser Seite meiner Arbeit.
Musik und Spiritualität
Wir Musiker sind nicht nur Heiler, wir sind auch Priester, Verkünder von Gottes Wort. Gottes Klang. Ich muß immer lachen wenn ich mit Vorstellungen von der künstlerischen Arbeit konfrontiert werde, die sich in Äußerungen niederschlagen wie „das hat er sich ausgedacht“. So stellt sich vielleicht ein Intellektueller den künstlerischen Schaffensprozeß vor. Und dem Intellektuellen macht die anarchische Freiheit des Künstlers, seine Art zu leben und zu arbeiten, genauso Angst, wie sein unmittelbarer Kontakt mit der spirituellen Welt. Da passiert etwas, das man nicht mehr erklären kann, und das fürchtet der kopfgesteuerte Mensch am meisten: Die Kontrolle zu verlieren.
Und natürlich besteht da zugleich eine ungeheure Anziehung: Das wilde Leben des Künstlers macht Angst und verlockt zugleich. Das liegt daran, daß wir Menschen immer noch – und nichts kann jemals etwas daran ändern – in erster Linie spirituelle Wesen sind. Das Ich kann noch so viel versuchen, dies zu leugnen, das Selbst weiß, daß die spirituelle Suche einen, wenn nicht den zentralen Raum in unserem Leben einnimmt. Eine Menschheit ohne Gott ist eine Menschheit, die den Kontakt zum Höchsten verloren hat. Das ist das Dilemma der säkularen Gesellschaft: Sie hat, zusammen mit den autoritären Strukturen der organisierten Religion, Gott gleich mit abgeschafft, und das heißt im schlimmsten, brutalsten Sinne des Wortes: Das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Ich verstehe mich als Künstler und Musiker als Teil einer spirituellen Bewegung, die den Menschen Gott und das Mysterium zurück bringt. Und als improvisierender Musiker muß ich – wie beim beim Prozeß des Komponierens auch – in unmittelbarem Kontakt mit dem Mystischen stehen. Keith Jarrett hat eines seiner Alben so beschrieben: „Ich glaube nicht, daß ich etwas schaffen, sondern nur, daß ich ein Kanal für die schaffende Kraft sein kann. Ich glaube an den Schöpfer, und so ist dies in Wahrheit sein Album durch mich an euch...“ Besser kann man es kaum beschreiben, was in den besten Momenten des Musizierens geschieht. Oder vielleicht noch so: Nicht ich spiele, sondern es spielt mich.
Diesen Zustand – im Grunde ein Zustand tiefster Meditation – immer öfter zu erreichen, ist das eigentliche Ziel meiner künstlerischen Entwicklung. Dafür lernen wir Musiker jahrelang unser Instrument und versuchen unser ganzes Leben lang, immer noch besser zu werden: Um Gottes Wort wirklich so verkünden zu können, wie wir es hören. Und eben nicht nur so, wie es unsere eingeschränkten Möglichkeiten erlauben. Und das heißt eben auch, daß das spirituelle Wachstum für uns ebenso wichtig ist wie das Musikalische. Denn sonst sind wir Intellektuelle, die nur so tun als wären sie auch Künstler. Das klingt dann oberflächlich betrachtet sogar wie echte Musik, aber niemand wird dadurch wirklich bereichert, berührt oder gar erleuchtet.

